Auf einen Blick
- Dauer: ca 3 bis 5 Minuten
- Zumutbarkeit: sehr leicht, keine Vorkenntnisse erforderlich
- Hilfsmittel: Ein Lieblingssong mit gutem Beat, bequeme Kleidung (Jogginghose reicht!)
- Fokus: Den Körper spüren, den Autopiloten stoppen.
Der Moment
Stell dir folgende Szene vor: Du kommst nach einem langen, anstrengenden Tag nach Hause. Du hast Stunden damit verbracht, perfekt zu funktionieren, die Zähne zusammenzubeißen und dein freundlichstes Gesicht zu zeigen. Du schließt die Wohnungstür hinter dir ab. Du gehst ins Schlafzimmer, ziehst das Business-Outfit aus und schlüpfst in deine gemütliche Jogginghose.
Und genau jetzt passiert es. Zwischen dem Ablegen der Rüstung und dem Weg ins Wohnzimmer wartet sie schon: diese unsichtbare, tonnenschwere Therapiedecke der Erschöpfung. Sie zieht dich magisch an, drückt dich gleich auf der Couch flach in die Kissen und sorgt dafür, dass sich die Welt draußen ohne dich weiterdreht, während in dir alles starr wird.
Der Farbklecks
Wenn unser System den ganzen Tag auf „Hochleistung und Funktionieren“ programmiert war, nützt es oft überhaupt nichts, dem Kopf zu sagen: „So, jetzt entspann dich mal schön.“ Der Verstand schaltet vielleicht ab, aber der Körper? Der hängt emotional und muskulär immer noch in der starren Rüstung fest. Er weiß gar nicht, wohin mit dem ganzen angestauten Druck.
Genau in dieser winzigen Lücke – nach dem Umziehen, aber bevor die Couch dich komplett verschluckt – setzen wir heute an. Wir senden das Signal zum Loslassen über den Körper direkt an den Geist. Wir lernen diese Woche gemeinsam, wie wir das starre Funktionieren abwerfen.
Finde deinen Rhythmus
Such dir einen Song aus, der einen spürbaren, erdigen und rhythmischen Beat hat. Er soll dich nicht aggressiv machen, aber er darf ruhig Kraft transportieren. Drücke auf Play.
Nimm deinen Stand ein
Stell dich hüftbreit hin. Lass die Knie ganz locker und federnd, kneife die Augen leicht zu oder lass den Blick weich werden.
Fang an zu schütteln
Beginne ganz sanft bei den Händen. Schüttle sie aus, als wären sie nass. Lass die Bewegung größer werden: über die Unterarme zu den Ellbogen, hoch in die Schultern.
Werde wild und unzensiert
Beziehe dein Becken, deine Oberschenkel, deine Waden mit ein. Lass den ganzen Körper vibrieren und wackeln. Schüttle dich wild und ohne darüber nachzudenken, wie es im Spiegel aussehen würde. Niemand sieht dir zu. Wenn du magst, lass mit dem Ausatmen ein leises Seufzen oder Tönen los.
Das Finale
Wenn das Lied vorbei ist, stoppe abrupt. Bleib für mindestens 30 Sekunden absolut still stehen. Lass die Arme hängen. Spür nach: Wie das Blut zirkuliert, wie die Haut kribbelt und die Wärme zurückkehrt.
Der Anker
Stell dir bei jedem Schütteln bildlich vor, wie der Stress des Tages, die Erwartungen deines Chefs, die Maske des perfekten Funktionierens und der Druck der inneren Kritikerin wie trockene Staubpartikel oder graue Flocken von deiner Haut abfliegen. Du wirfst sie ab. Sie gehören nicht zu dir.
Jedes Mal, wenn du deine Hände ausschüttelst und dir bildlich vorstellst, wie das erzwungene Lächeln des Tages oder der Druck des letzten Meetings von deinen Fingerspitzen weggeschleudert werden, trennst du dich aktiv von deiner „Funktionärinnen-Rolle“. Du bist nicht der Stress.
Dieses Bild wirkt wie ein innerer Besen: Du schüttelst nicht nur Muskeln, du reinigst deine emotionale Grenze nach außen. Jede Flocke, die zu Boden fällt, macht deine Rüstung ein Stück leichter, bis du wieder ganz bei dir selbst ankommst.
Und jetzt du
Welcher Song wird dein persönlicher „Abschüttel-Track“ für diese Woche? Probiere es heute Abend direkt aus, wenn du die Wohnungstür hinter dir schließt.
Lass bunt in dein Leben, bleib beweglich und wirf den Ballast ab!
Deine Stefanie
Für die Wissensdurstigen: Ein Blick hinter den Farbklecks
Worum es hier nicht geht
Bevor du auf Play drückst, lass uns eine Sache ganz radikal klarstellen: Deine innere Kritikerin hat bei dieser Übung absolute Urlaubssperre.
Keine perfekte Choreografie: Es gibt hier keine Schritte zu lernen und keine Schrittabfolge, an die du dich erinnern musst.
Kein Workout: Es geht nicht darum, Kalorien zu verbrennen, deine Muskeln zu definieren oder dich für das nächste Fitnesslevel auszupowern.
Kein Hardcore-Dancing: Du musst hier keinen ästhetischen Ausdruckstanz aufs Parkett legen. Es muss nicht gut, graziös oder elegant aussehen.
Kein neues Leistungsprojekt: Du kannst diese Übung nicht „falsch“ machen – außer, du versuchst, sie perfekt zu machen.
Es ist kein Tanz. Es ist ein pures, unzensiertes Ausmisten deines Körpers. Wenn es aussieht wie ein nasser Hund, der sich nach dem Regen schüttelt, oder wie ein wackelnder Wackelpudding, dann machst du es genau richtig. Erlaube dir, für drei Minuten absolut unelegant, wild und formlos zu sein.
Der fachliche Hintergrund
Vielleicht fragt sich deine innere Kritikerin jetzt gerade: „Was soll der Quatsch? Ich kann mich doch nicht einfach im Wohnzimmer herumschütteln!“ Doch, du kannst. Und es hat einen handfesten medizinischen Hintergrund.
In der Körpertherapie nennt sich diese Praxis Tremoring oder Somatisches Schütteln. Wenn wir unter Dauerstress stehen (was bei einer funktionalen Depression durch das ständige Aufrechterhalten der Fassade chronisch der Fall ist), schüttet unser Körper unentwegt Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Das vegetative Nervensystem schaltet in den Überlebensmodus („Fight or Flight“).
Da wir im Büro oder Alltag aber weder kämpfen noch fliegen können, friert diese Energie in unseren Muskeln und Faszien ein. Wir erstarren buchstäblich in unserer Rüstung.
Tiere machen uns das instinktiv vor: Wenn eine Antilope dem Löwen entkommen ist, bleibt sie nicht einfach stehen – sie schüttelt minutenlang intensiv ihren gesamten Körper durch, um das Trauma und die Todesangst aus dem Nervensystem abzuleiten. Somatisches Schütteln hilft uns Menschen genau dabei: Es baut die angestaute, bioelektrische Ladung im Nervensystem ab, senkt den Puls nachweislich und signalisiert dem Gehirn: „Die Gefahr ist vorbei. Du bist jetzt sicher zu Hause. Du darfst aufhören zu funktionieren.“
Du willst tiefer einsteigen
Dieser Farbklecks ist der vierte Teil meiner vierteiligen Juni-Reihe. Er leitet sich direkt aus meinem aktuellen, tiefen Erfahrungsbericht
Die Anatomie des Funktionierens: Mein Leben mit der unsichtbaren Depression.
Die unsichtbare Depression lebt vom Schweigen. Und meine Rüstung ruft nach einem ordentlichen Make-up und rotem Lippenstift, während in mir drin die Welt stillsteht.
Wenn du verstehen willst, warum uns das bloße Funktionieren so unendlich erschöpft und wie mein eigenes System hinter den Kulissen zusammengebrochen ist, lies unbedingt den Hauptartikel.

