Unter 32-16-8 herrscht Konjunktur die ganze Nacht!
Spider Murphy Gang, 1981
Diesen Satz habe ich gerade in einer nostalgischen Radioshow gehört. Und was soll ich sagen? Frag mich nach der Nummer meiner Eltern von 1998. Ich bete sie dir im Schlaf vor, inklusive der Vorwahl. Aber die aktuelle Nummer, die sie seit einem Jahrzehnt haben? Keine Chance. Mein Gehirn sagt stur: „Sorry, die Information ist nicht verfügbar.“ Da kann ich so lange im Neben in meinem Kopf kramen (Brain Fog), wie ich will, die kommt einfach nicht zutage. Sie ist irgendwann in meinem gehirneigenen Papierkorb gelandet und unwiderruflich gelöscht worden. Zum Glück habe ich ein Backup – die Kontaktliste in meinem Smartphone – zusammen mit gut 300 weiteren Telefonnummern. Falls dort mal der Stecker gezogen werden sollte, bin ich aufgeschmissen.
Es ist, als hätten wir im Kopf ein Archiv mit dem „Best of“ von damals, aber für die neuen Hits haben wir vergessen, wie frau die Aufnahmetaste drückt.
Hast du schon ähnliche Erlebnisse gehabt? Kennst du noch die Adresse deiner ersten Wohnung? Und wie sieht es mit der aktuellen Handynummer deines Ehemannes aus? Na, habe ich dich erwischt? In solch einem Moment frage ich mich manchmal, ob das der Beginn einer schleichenden Demenz ist oder einfach eine Entwicklung unserer Zeit. Du auch?
Kurz & Knapp
Wenn du gerade kaum Konzentration aufbringst, sind hier die wichtigsten Kernbotschaften aus diesem Beitrag für dich:
- Dein Kopf ist nicht kaputt: Dass du dir alte Telefonnummern von damals merkst, aber aktuelle Daten ständig vergisst, ist kein Zeichen von Dummheit oder Demenz.
- Biologischer Schutzmodus: In einer depressiven Episode oder bei starker Überforderung ist dein inneres System im Überlebensmodus. Der mentale Arbeitsspeicher ist durch unruhige Gedankenschleifen zu 99 % ausgelastet. Dein gehirneigener Türsteher blockiert neue Infos einfach, um Energie zu sparen. Brain Fog eben.
- Radikale Entlastung statt Gehirnjogging: Setz dich jetzt bloß nicht unter Leistungsdruck. Lagere dein Gedächtnis konsequent an dein Smartphone oder an Post-it-Zettel aus.
- Kleine 1%-Schritte: Reduziere Reize (z. B. Social-Media-Pausen), mache immer nur eine Sache zur gleichen Zeit und feiere die ganz kleinen Alltagserfolge.
- Wann Hilfe wichtig ist: Wenn der Nebel im Kopf dauerhaft bleibt, dich im Alltag stark einschränkt und großen Leidensdruck erzeugt, bleib bitte nicht allein damit, sondern lass es ärztlich oder therapeutisch abklären
Inhalt
Keine Panik!
Warum dein Kopf im Brain Fog steckt und nicht kaputt ist.
Lass uns hinschauen, warum wir heute gefühlt „digital dement“ werden. Weshalb das für gesunde Menschen oft nur eine kleine Alltagsnotiz ist, für frau in einer depressiven Episode aber ein massiver Symptom-Verstärker sein kann.
Die gute Nachricht vorweg: Egal, ob du dich gerade in einer depressiven Phase befindest oder kerngesund bist – dein Kopf funktioniert. Alte Telefonnummern oder frühere Erinnerungen sind oft stark wiederholt und emotional tief verknüpft. Neue Kontaktdaten dagegen konkurrieren mit einer permanenten Reizüberflutung, der bequemen Auslagerung ins Smartphone und einem ohnehin vollen Arbeitsgedächtnis.
Wir dürfen gnädig mit unserem Speicherplatz sein. In einer Welt voller Reize ist Vergessen oft ein reiner Schutzmechanismus. Wir merken uns das, was im Moment für das Überleben wichtig erscheint. Gerade wenn unser ganzes System überfordert ist, weigert es sich schlichtweg, neue Informationen aufzunehmen. Das hat absolut nichts mit Dummheit zu tun, sondern ist eine kluge Priorisierung des Gehirns. Wenn du dir das bewusst machst, nimmt das augenblicklich den Leistungsdruck, der bei Depressionen oft so unbarmherzig schwer wiegt.
Verpasse nie wieder einen Blogartikel von mir
Aboniere meinen Newsletter!
Warum das Neue nicht mehr „einbrennt“: Die 4 Saboteure der Merkfähigkeit
Dass die alten Nummern sitzen, liegt an vier einfachen Faktoren, die heute in angespannten Lebensphasen oft zu kurz kommen:
Wiederholung & Gewohnheit
Früher haben wir Nummern aus dem analogen Buch abgelesen und die Wählscheibe gedreht. Diese körperliche, multisensorische Aktivität hat stabile Nervennetzwerke aufgebaut. Heute tippen wir eine Nummer einmal ins Smartphone ein – und das war’s. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, sie auswendig zu lernen.
Emotion & Bedeutung
Das Wählen der Großeltern war früher mit der Vorfreude auf das Übernachten verbunden. Die Nummer der Eltern verhieß Sicherheit und das behagliche Gefühl von Zuhause. Emotion ist der beste Klebstoff für unser Gedächtnis.
Das ausgelagerte Gedächtnis
Mit dem Smartphone besitzen wir ein zweites Gedächtnis. Wir merken uns heute nicht mehr, was die Information ist, sondern nur noch, wo sie steht. Das reicht für das Überleben völlig aus.
Mentale Kapazität in der Depression
Wenn zu dem normalen Alltags-Input noch Grübelschleifen, mieser Schlaf, Erschöpfung und der berüchtigte „Brain Fog“ (zu gut deutsch „Nebel im Gehirn“) einer depressiven Phase kommen, ist der mentale Arbeitsspeicher schlicht voll. Wenn ich meine ganze Aufmerksamkeit und Energie für das seelische Überleben brauche, bleibt für nebensächliche Zahlen kein Platz mehr.
was kann ich tun bei Brain Fog: Deine 1%-Übungen ohne Perfektionsdruck
Wenn der Brain Fog, also die Nebelwand, dicht ist und die Gedanken sich im Kreis jagen, hilft kein kompliziertes Gehirnjogging. Was frau dann braucht, sind winzige, machbare Schritte. Keine Mammutprojekte, sondern kleine 1%-Inseln der Selbstwirksamkeit, die das System sanft beruhigen, statt es neu zu stressen.
Hier sind vier alltagserprobte Impulse, die ich selbst nutze und die du völlig ohne Leistungsdruck ausprobieren kannst:
Sicherheit schaffen - das ausgelagerte Gehirn füttern
Versuche erst gar nicht, dir die To-Do-Liste für morgen im Kopf zu merken. Schreib alles radikal auf – auf einen Zettel, in eine App oder als Sprachnachricht an dich selbst. Verzettle dich auf der Suche nach der perfekten App. Mir reicht die banale Notizen-Funktion von Google in meinem Handy. Wenn ich weiß, dass die Information sicher verwahrt ist, kann mein Arbeitsgedächtnis endlich auf „Entlastung“ schalten.
Reizreduktion - Die „Eine-Sache-Regel
Brain Fog liebt Multitasking – weil es uns komplett blockiert. Wenn ich merke, dass nichts mehr geht, schließe ich alle Tabs im Browser und im Gehirn. Ich mache für die nächsten zehn Minuten nur eine einzige Sache. Und wenn es nur das Trinken eines Glases Wasser ist. Jedes gelungene Mikroziel signalisiert meinem Kopf: Ich bin handlungsfähig.
Kleine Anker im Alltag werfen
Such dir eine feste Gewohnheit und kopple sie mit einem Moment des Spürens. Wenn ich morgens meine Kaffeetasse in den Händen halte, konzentriere ich mich für drei Atemzüge nur auf die Wärme an meinen Fingern. Das holt das überreizte Nervensystem zurück ins Hier und Jetzt und baut eine sanfte Brücke aus der Gedankenschleife.
Erfolge registrieren - auch die ganz kleinen
In depressiven Phasen neige ich dazu, nur das zu sehen, was ich nicht geschafft habe. Drehen wir den Spieß um: Schreib dir abends drei Dinge auf, die gut waren. „Ich habe mir frische Socken angezogen“, zählt dabei genauso viel wie ein erledigtes Telefonat. Frau darf die Messlatte bewusst so tief legen, dass sie bequem darübersteigen kann.
Welche dieser kleinen 1%-Übungen wäre heute ein freundlicher Schritt für dich – ganz ohne Perfektion
Wann ist es sinnvoll, Hilfe zu holen?
Auch wenn Vergesslichkeit und Brain Fog häufige Begleiter in stressigen Phasen oder bei Depressionen sind: Wenn die Konzentrationsprobleme oder der „Nebel“ im Kopf über einen längeren Zeitraum anhalten, den Alltag massiv erschweren oder einen hohen Leidensdruck verursachen, darf frau damit nicht allein bleiben. In diesem Fall ist es ratsam, die Beschwerden ärztlich oder therapeutisch abklären zu lassen, um organische Ursachen auszuschließen und gezielte Unterstützung zu erhalten.
Warum wird es im Inneren zu voll
Der Blick hinter den Nebel
Vielleicht fragst du dich jetzt: „Schön und gut, aber warum fällt mir das alles im Moment so unendlich schwer?“
Wenn wir von außen auf eine depressive Phase blicken, sieht das oft nach Stillstand, Rückzug und gähnender Leere aus. Doch wir beide wissen: Im Inneren ist es keineswegs still. Dort ist es oft unfassbar laut, unruhig, negativ und unendlich kritisch. Es fühlt sich an, als würde eine Horde wilder Affen im Oberstübchen Partyzettel verteilen, während gleichzeitig der Nebel aufzieht. Du bist orientierungslos.
Dieser Daueralarm im Kopf verbraucht gigantische Mengen an Energie. Stresshormone wie Cortisol blockieren die Botenstoffe, die wir für die Konzentration und das Abspeichern neuer Informationen bräuchten. Die kognitive Flexibilität und der Antrieb schrumpfen auf ein Minimum zusammen. Wenn mein mentaler Arbeitsspeicher durch diese innere Unruhe und Erschöpfung ohnehin schon zu 99 % ausgelastet ist, passt die neue Telefonnummer oder der Termin schlichtweg nicht mehr hinein.
Der geistige Türsteher macht dann einfach dicht. Es ist wie in einer völlig überfüllten Disco: Es muss erst ein Gast den Raum verlassen, bevor der nächste sich hineinzwängen kann. Und selbst wenn frau sich hineinquetscht, heißt das noch lange nicht, dass sie in dem Trubel überhaupt wahrgenommen wird.
Wann ist dein Arbeitsspeicher besonders klein? Morgens nach dem Aufwachen? Abends, wenn der Tag an dir zerrt? Oder nach einer halben Stunde Social Media? Wenn ich diese Muster bei mir erkenne, kann ich viel liebevoller mit meinen Durchhängern umgehen. Es ist eine reale, biologische Reaktion deines Körpers – keine persönliche Schwäche. Und ich kann meine Tagesroutine ganz bewusst daran anpassen:
- Morgens: Okay, erst der Kaffee, dann die Dusche und ein kleiner Spaziergang.
- Abends: Keine wichtigen Besprechungen oder Termine mehr nach 15 Uhr – stattdessen auf der Couch die Füße hochlegen
- Social Media: Wenn ich merke, dass das Scrollen mich stresst, lasse ich es für den Rest des Tages einfach ganz sein.
Brain Fog: Was steckt hinter dem Nebel im Gehirn?
Der Begriff „Brain Fog“ bedeutet übersetzt nichts anderes als „Nebel im Gehirn“. Er beschreibt keine eigenständige Krankheit, sondern ein ganzes Bündel an Symptomen: Verwirrtheit, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, bleierne Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Wortfindungsstörungen, verlangsamtes Denken, Orientierungsprobleme oder auch Stimmungsschwankungen.
Dieser Nebel macht es schwer, die Arbeit und den ganz normalen Alltag zu bewältigen. Wir sprechen meistens dann von Brain Fog, wenn diese Beschwerden nicht nur kurz nach einer schlaflosen Nacht auftauchen, sondern sich zu einem verfestigten Zustand entwickeln.
Die Ursachen dafür sind vielseitig. Manchmal stecken leicht behebbare Dinge dahinter, wie Flüssigkeitsmangel, zu wenig Schlaf, Bewegungsmangel oder eine unausgewogene Ernährung. Doch auch ein Übermaß an Stress sorgt verlässlich für Nebel im Kopf. Hormonelle Veränderungen infolge einer Schwangerschaft oder der Wechseljahre können diesen Zustand ebenfalls begünstigen. Zudem ist Brain Fog als Begleitsymptom diverser körperlicher Erkrankungen dokumentiert – und geht eben besonders häufig mit psychischen Belastungen wie Depressionen oder Angststörungen einher.
Die Wissenschaft forscht intensiv nach den genauen Mechanismen im Gehirn. Vieles deutet darauf hin, dass in manchen Fällen winzige Entzündungsprozesse im Nervengewebe stattfinden. Andere Ergebnisse zeigen eine fehlerhafte Regulierung des Blutflusses im Gehirn. Und auch ein Mangel an Serotonin – dem wichtigen Botenstoff, der eine Fülle von Funktionen in unserer Zentrale steuert – spielt eine ganz entscheidende Rolle.
So arbeitet unsere Zentrale: Die hauseigene Sortieranlage
Unser Gehirn besitzt zwar eine schier unbegrenzte Kapazität, hat aber auch die lebenswichtige Aufgabe, sich eben nicht jedes kleine Detail zu merken. Schließlich würden wir verrückt werden, wenn wir jedes Hintergrundgeräusch und jede unwichtige Zahl der Vergangenheit dauerhaft abspeichern müssten. Schon beim reinen Aufnehmen filtert der Kopf radikal aus. Nur was als relevant eingestuft wird, landet im Kurzzeitgedächtnis, wo wir Informationen aktiv für etwa 20 bis 45 Sekunden halten können.
Von dort wandert die grob gefilterte Flut an Reizen zum großen Torwächter des Langzeitgedächtnisses: dem Hippocampus. Er fungiert als zentrale Schaltstelle und entscheidet, was wirklich wichtig für unser Überleben und unseren Alltag ist. Erst wenn er grünes Licht gibt, werden die Daten an die Großhirnrinde weitergeleitet. Dort werden sie dauerhaft verankert, indem sich Nervenzellen über sogenannte Synapsen stabil miteinander vernetzen. Und genau dieser sensible Prozess ist im Brain Fog blockiert.
Was bleibt – und was ich dir mitgeben möchte
Die alten Telefonnummern von vor 40 Jahren sind Stammgäste in meiner ganz privaten Kopf- Doch sie haben mir eines klargemacht: Die aktuelle Unfähigkeit, mir neue Dinge zu merken, hat absolut nichts mit einer beginnenden Demenz oder Dummheit zu tun. Es ist vielmehr ein klares Zeichen dafür, dass mein Gehirn gerade priorisiert, Energie spart und sich im Überlebensmodus befindet.
Meine Vergesslichkeit ist für mich heute kein Grund mehr zur Panik, sondern ein liebevoller Wegweiser. Sie zeigt mir, dass ich ein paar Gänge runterschalten darf. Ich lade dann ganz bewusst Ruhe und Gelassenheit in mein System ein und vertraue auf meine ausgelagerten Speichermedien: mein Smartphone oder die bunten Post-it-Zettel in der Wohnung.
Wenn du dich gerade in einer depressiven Phase befindest, nimm die Vergesslichkeit als rote Ampel deines Systems wahr. Setz dich jetzt bitte nicht unter Leistungsdruck und beginne bloß kein krampfhaftes Gehirnjogging. Verschiebe die großen Schritte auf eine Zeit, in der der Nebel in deinem Gehirn weitergezogen ist. Jeder kleine Schritt zählt, um die Speicherkapazität sanft wieder zu erhöhen – und das Gedächtnis bleibt bis ins hohe Alter trainierbar. Du musst heute niemandem beweisen, was du alles im Kopf behalten kannst. Hauptsache ist, du weißt, wo es aufgeschrieben steht.
Meine Einladung an dich
Welche Nummer könntest du heute noch im Schlaf aufsagen? Und welche willst oder kannst du dir partout nicht merken? Lass es mich in den Kommentaren wissen!
Wenn du dich in diesem Nebel wiedererkennst: Du bist hier nicht allein – und bunt ist absolut erlaubt.
Deine Stefanie

